Sprach-Pannen (Ausgabe April 2014)

Diese Rubrik könnte ich jeden Monat füllen. Voraussetzung dafür wäre, ich schriebe mir jeden verunglückten Ausdruck auf, der mein Ohr erreicht. Weil das ausarten würde, öffne ich diese Kolumne nur alle paar Monate.
Deshalb beginne ich jetzt auch mit einer Phrase aus der letzten Jahreszeit:

„Morgen gibt es Winter in Höhe von 600 Meter.“ So ein Wetterfrosch im Radio. Sein Beitrag ist verunglückt und könnte auf für eine Verbesserung gibt es mehrere Lösungen:
„Bis in eine Höhe von 600 Metern sind morgen winterliche Verhältnisse anzutreffen.“ oder „Erwarten Sie morgen winterliche Temperaturen bis hinunter auf 600 Meter.“ oder „Morgen treffen Sie den Winter bereits auf 600 Meter Höhe an.“

„Sie werfen alles auf die Waagschale.“ Welches Bild hatte der, der diesen Satz sagte? Er hatte nicht die Balkenwaage vor Augen mit zwei Schalen sondern eher eine geeichte Kaufmannswaage, die nur eine Schale besitzt. Das Sprachbild rührt aber vom ersten Bild her und dann hätte er sagen müssen: „Sie werfen alles in eine Waagschale.“ Das Sprachbild will nämlich sagen, wer alles nur in eine Waagschale wirft, vernachlässig die Gegenseite, den Ausgleich. So bedacht, würde die Kaufmannswaage nicht für die gewollte Aussage taugen.

„Ich bin gleich bei Ihnen“ meinte die Dame, die eine kurze Pause im Telefonat brauchte bevor sie es fortsetzen konnte. Das ist schnell gesagt, doch kann es leicht zu Missverständnissen führen, wenn jemand nicht den übertragenen Sinn der Floskel kennt. Der könnte meinen, die Dame würde sich umgehend auf den Weg zu ihm machen und ihn im Büro oder zu Hause überraschen.

Geschäftspost wird heute oft im Stile einer SMS geschrieben, beiläufig und ohne nachzudenken, welche Wirkung so ein Schreiben hinterlässt. Kein Wunder, dass so aus mancher Geschäftsanbahnung nichts geworden ist. Und da Menschen mit großer Affinität zu elektronischen Geräten gerne auch meinen, man könnte sich manche Erklärung sparen, wird sie in einem solchen Falle von Kurzsprache ein potentieller Kunde nicht verstehen und Mitanbietern den Vorzug geben.

 

Tiere erzählen Geschichten

Wenn von einem Jumbo die Rede ist, dann wissen Sie sofort, was gemeint ist. Ein Sprachbild ist geprägt und Sie sehen förmlich ein Tier vor sich. Wenn dieser Jumbo sich in die Lüfte begibt, fällt vielen gleich noch eine bestimmte Typbezeichnung ein: Boeing 747. Bleibt der Jumbo mit allen Rädern auf der Straße, wissen wir: Dieser Laster hat ein großes Lademaß.

Andere Tiere wurden zur Marke. Welche kennen Sie? Einen Frosch, ein Krokodil oder einen Kranich? Der Frosch war lange Zeit das Symboltier der Mainzer Hygiene- und Schuhpflegemarke Erdal. Als der Öko-Gedanke stärker wurde und bei Sauberkeit nicht mehr so viele Tenside eingesetzt werden sollten, besann man sich bei Erdal auf das Wappentier und kreierte eine eigene Marke, den Frosch. Er kann nur in einem natürlichen Habitat überleben und so steht er für nachhaltige Reinigungsmittel.

Das Seitenleitwerk von Lufthansa-Flugzeugen ziert schon von den Anfängen in den 1920er Jahren ein Kranich, der einer der größten Zugvögel ist, der auch in unseren Breiten heimisch ist. Die langjährig im Dienste der Lufthansa tätigen Urlaubsflieger flogen unter dem Signet des Condor, des größten flugfähigen Vogels unseres Erdballs. Da er in Südamerika zu Hause ist, drückte die Marke auch den Aufbruch in die Ferne aus.

Das Krokodil kennen Sie mit Sicherheit von diversen Kleidungsstücken und anderen Produkten der Marke Lacoste. Gegründet wurde die Marke zunächst für den Eigenbedarf vom damaligen französischen Ausnahmetennisspieler René Lacoste, der ab 1933 zunächst Tennishemden herstellte und anbot. Lacoste war in den 1920er Jahren einer von drei fast unschlagbaren französischen Tennisspielern und einer seiner Sportskollegen ging mit ihm eine Wette ein, wenn er ein bestimmtes Spiel gewönne, würde er einen Krokodillederkoffer bekommen. Das Spiel ging verloren, doch die Presse bekam Wind von der Geschichte und so wurde René Lacoste das Krokodil.

Manchmal muss man nicht einmal das Tier sehen, das für eine Marke Pate steht. So genügt der Marke Jack Wolfskin ein Tatzenabdruck als Erkennungszeichen. Jedem wird sofort klar: Das sind Ausrüstungsstücke für die Wildnis oder zumindest für das Freie. Die Tatze deutet sehr subtil an, wofür man die Produkte einsetzen kann. Mehr muss man nicht erzählen.

Fehler passieren im Halsumdrehen

Im letzten Monat sind mir wieder etliche Formulierungsfehler begegnet, die ich hier festhalten möchte, denn: Wer Fehlerquellen kennt, kann sie auch vermeiden. Und jetzt gleich los:

„Fragen Sie Experten, die wissen die Lage“ – Das Elend fängt nach dem Komma an. Ich würde das völlig neu formulieren: „Fragen Sie Experten, die kennen sich aus.“ oder „… die wissen Bescheid.“

„Das Geld wird mit dem Füllhorn ausgegeben.“ – Das Bild mit dem Füllhorn funktioniert nur mit dem Verb ausschütten. Man kann auch nicht darauf blasen und schon gar nicht hineinpetzen. Wie würde ich den Satz texten? Ich würde erst einmal auf das Füllhorn verzichten und einfach schreiben: „Das Geld wird mit vollen Händen ausgegeben.“

„Herr XY beklagt die rasante Veränderung unseres Alltags.“ – Das klingt doch richtig? Allerdings nur beim ersten Lesen oder Hören. Falsch ist hier das Adjektiv: rasant kann etwas sein, was sich körperlich bewegt, ein Rennwagen etwa oder eine Garnrolle auf dem Tisch. Rasant kann nicht in Verbindung mit ideellen Dingen stehen, also auch nicht mit Veränderung. Korrekt wäre hier das Adjektiv rasend, gewissermaßen als Steigerung zu schnell.

„Sie erkannte darin ein ernst zunehmendes Risiko.“ – Die Getrennt- und Zusammenschreibung stellt ein großes Risiko dar für jeden Schreiber. Und so kommen wir auch auf den Fehler im Beispielsatz: Nimmt unser Risiko zu oder müssen wir es ernst nehmen? Nun fällt es uns wie Schuppen von den Augen. Der Satz muss das Wort trennen: „Sie erkannte darin ein ernst zu nehmendes Risiko.“

Und in der Titelzeile muss aus dem „Halsumdrehen“ natürlich ein „Handumdrehen“ werden. Sie spüren sicher gleich, dass das Handumdrehen Ihnen viel leichter fällt.

Unter den bildhaften Begriffen sind Tierbilder spitze

„Der Drache erweist sich als Blindschleiche“. Das war ein Sprachbild vor einem knappen Jahr im Sportteil einer Tageszeitung. Ist Ihnen schon mal aufgefallen, wie oft in dieser Hinsicht Wesen aus der Zoologie verwendet werden? Ich selbst zitiere gerne die „Schnecke auf Mondreise“, die ich schon mal vor über vierzig Jahren losgeschickt habe.

Jedes Tier hat seinen Charakter. Fällt ein Gattungsname, kann jeder gleich einige charakteristische Eigenschaften benennen. Ein Reh ist kein Fuchs, eine Antilope ist keine Raupe und ein Bulle ist kein Bär. In der nächsten Stufe ergänzt man ein Adjektiv und man erhält beispielsweise das sanfte Schaf, den schnaubenden Stier, die listige Schlange, das genügsame Krokodil oder die diebische Elster.

Auf der nächsten Stufe wird noch etwas übertrieben, wie schon bei der Schnecke am Anfang. Da wird dem Bär der Honig aus der Höhle gestohlen. Viele Hasen sind des Hundes Tod. Der Storch dreht einen Looping. Der Zitronenfalter betrachtet verliebt schön drapierte Servietten. Und wie ist das mit dem Hamster, der bohnert? Kennen Sie auch den Spruch: „Ich glaub‘, mein Schwein pfeift!“?

Vor einem aber sollten Sie sich hüten: Die Übertreibung so zu überdehnen, dass das Sprachbild dann gar nicht mehr passt. Beispiele dafür: Wenn Eulen nach Köln getragen werden oder Schmetterlinge einen Schmetterball schlagen. Nicht abnehmen würde ich Ihnen auch, wenn Sie formulieren würden „Der Maulwurf überzeugt durch seine Intelligenz“ oder „Nachts sind alle Katzen blind“ oder gar „Ein stolzer Hahn isst stets vegan.“ Da wäre das Pferd mit der falschen Trense aufgezäumt. Sie merken, diese fast utopischen Bilder machen auch dem Autoren Spaß. Sie nützen Ihnen und Ihren Lesern aber nichts, wenn Sie Ernsthaftes vermitteln möchten.

Pannen (Ausgabe Juli 2011)

Bei Sportberichten im Fernsehen hat sich ein Bild eingeprägt, das eigentlich ein falsches ist: „Um zu gewinnen, muss der Sportler auf die Zähne beißen.“ Muss er das, was bedeutet das dann anatomisch? Man kann mit den Zähnen klappern, man kann auf dem Zahnfleisch gehen, etwas zwischen die Zähne bekommen, einen Zahn zulegen,  jemand auf den Zahn fühlen oder sich dann die Zähne ausbeißen, – das Sprachbild ‚auf die Zähne beißen‘ ist neu und ergibt leider keinen Sinn. Also Zähne zusammenbeißen und das falsche Bild vergessen.

Kürzlich berichtete jemand, er müsse „nach seinem Scheffel schauen“. Soll er doch. Der Scheffel ist eine alte Messvorrichtung für Getreide und überliefert aus der Bibel ist, dass man sein Licht nicht unter den Scheffel stellen soll. Wer nach seinem Scheffel schaut muss demnach Landwirt oder Müller sein. Das oben zitierte Sprachbild ist jedoch nicht üblich.

„Das macht das Kraut nicht fett.“ Zumal Kraut, selbst saures nicht fett ist. Das korrekte Sprachbild wäre hier: „Das macht den Kohl nicht fett.“ Aber gegen falsche Bilder ist noch kein Kraut gewachsen. Aber bevor hier jemand ins Kraut schießt, Kohl und Kraut sind im allgemeinen Sprachgebrauch das Selbe. Und auch in der Literatur (Max von der Grün, Glatteis) ist das Kraut schon als nicht fett festgeschrieben worden. Erlauben wir es also…

Der Duden hat es mir „zurückgezeigt“. Auch das ist holpriges Deutsch. Kann er es mir nicht zurückgeben oder aufzeigen. Ich bitte darum, solch falsch zusammengesetzte neue Wörter zurückzuziehen, aber bitte nicht mit dem Finger darauf zeigen.

„Wenn man das weiß, tut man sich einfacher.“ Was soll an diesem Satz falsch sein? Das „Tun“ ist hier falsch am Platz, „haben“ wäre das korrekte Hilfsverb. und das korrekte Adjektiv im Komperativ ist „leichter“ und nicht „einfacher“. Wir schließen kurz: „wenn man das weiß, hat man es leichter.“ Und der Satz klingt auch noch besser.

Nicht ausrottbar sind sinnlose Steigerungsformen wie „in keinster Weise“ und „in bestmöglichster Form“. Was in keiner Weise vorkommt und schon die bestmögliche Form ist, hat schon das Ende der steigerungstechnischen Fahnenstange erreicht.

Neu unter den auffälligen Begriffen ist das Verb „antizipieren“, was ich auch in der Sportberichterstattung zuletzt häufig vernommen habe. Dieses Fremdwort bedeutet auf Deutsch das Vorwegnehmen vor der Zeit im Geiste oder vor Fälligkeit. Wer das so antizipiert merkt, dass dieses schöne Wort eigentlich nicht in den Bereich Sport gehört, – ausgenommen dem Schachsport, wenn man bei Zeiten die Gefährdung des Königs oder der Dame erkennt.