Kann eine Frau ihren Mann stehen?

In unserer Alltagssprache wird versucht, immer korrekter zu texten, was sicher sinnvoll ist. Aber die Genauigkeit hat ihre Grenzen. Die sehe ich bei allen Begriffen, die mit Genderbezeichnungen zu tun haben. Schlägt man beim Duden nach und sucht nach Redensarten mit dem Wörtchen „Mann“, so erhält man zahlreiche. Unter dem Stichwort „Frau“ sind nur wenige zu finden. Zunächst ist hier Frau Holle aufgeführt, gefolgt von der „Frau von Welt“, jemanden „zur Frau zu nehmen“ oder die „Frau mit Vergangenheit“, die „weise Frau“ und der Begriff, dass eine alte Frau für etwas lange stricken muss.

Die Auflistung von Redensarten mit Männern beginnt sinnigerweise mit „Mann über Bord!“ Das kommt aus der Seemannsprache und für Seeleute ist es im Falle eines Falles uninteressant, ob gerade ein Mann oder eine Frau unfreiwillig über Bord gegangen ist. Überlegen Sie, wie fatal es wäre, wenn eine Schiffsbesatzung erst überlegen müsste, was nun der der Situation angepasste korrekte Ausruf wäre: „Mann über Bord“ oder „Frau über Bord“? In jedem Fall würde das eine Verzögerung der Rettungsmaßnahmen bedeuten. Beim ärgerlichen Ausruf „Mann Gottes“ könnte ich mir dagegen bei weiblichen Kirchenvertretern auch ein „Frau Gottes“ vorstellen, auch wenn diese Redensart ursprünglich aus der Bibel, etwa dem 5. Buch Mose stammen soll.

Kann eine erfolgreiche Frau eine „gemachte Frau“ sein? Darüber würde ich nicht zwei Mal nachdenken, auch wenn ich das noch nicht oft gehört oder gelesen habe. „Wie ein Mann löste sie das Problem“. Hier würde ich eher den Mann stehen lassen als ihn durch die Frau zu ersetzen, weil das Bild der Frau und ihrer Aufgaben sich im Sprachgebrauch noch immer auf den Erhalt und Schutz einer Ordnung bezieht und nicht auf Veränderung. Sie kann gerne „die erste Frau an der Spritze“ sein, ein Sprachbild aus dem Alltag der Feuerwehr, für deren sich ja immer mehr Frauen einsetzen.

Ein Durchschnittsmensch wird gerne als „der kleine Mann“ bezeichnet. Es sträubt sich alles in mir, diesen Begriff ins feminine zu verkehren. Dazu gibt es zu viele „kleine Frauen“ mit bemerkenswerten Erfolgen und Charisma, wobei aus kleingewachsene Männer auch leistungsstark sein können. „Frau von Welt“ ist unproblematisch abgeleitet vom „Mann von Welt“, auch wenn ersteres noch nicht im Duden steht. Schiller lässt im Tell sagen, dass der „kluge Mann“ vorbaut. Heute würde ich so etwas nur als „der kluge Mensch baut vor“ als korrekte Weisheit akzeptieren.

Soweit unser kleiner Rundumschlag zu Sprachbildern um Mann und Frau. Und das Fazit: Soll Frau nun ihre Frau stehen? Ich empfinde eine solche Formulierung als sehr ungeschickt und mich würde eine Formulierung wie „Kann sich eine Frau durchsetzen?“ wesentlich besser gefallen als der kleinliche Verweis auf die traditionelle Männerwelt.

Unser Wortschatz steigt an

Häufig bemängelt wird, dass der verwendete Wortschatz in der hierzulande gesprochenen Sprache in der Anzahl der Worte immer kleiner wird. Das mag zutreffen, bezieht man jedoch auch die Schriftsprache mit ein, so steigt die Zahl der verwendeten Worte mit der Zeit. In einer Ende Februar 2013 veröffentlichten Studie soll der Gesamtwortschatz im Deutschen gestiegen sein: Im Beobachtungszeitraum 1905-1914 wurden 3,7 Millionen Wörter gezählt, zwischen 1948-1957 waren es knapp über fünf Millionen Wörter und bei der letzten Erhebung von 1995 bis 2004 schon 5,3 Millionen. Zusammenschreibungen deutscher Worte wurden dabei mitgezählt.

Und wie verhält es sich mit Anglizismen in dem deutschen Sprachgebrauch? Diese sind kräftig angestiegen von rund tausend vor gut hundert Jahren auf fast 11.000 im letzten Untersuchungszeitraum (1995-2004). In einem Kommentar der „Welt“ wird das zurückgeführt auf die vielen neuen Dinge und Tätigkeiten, die im letzten Jahrhundert Einzug in den Alltag genommen haben. Und darunter sind viele Wörter, die eine Mischung aus einem englischen Wort und einer deutschen Wortform darstellen wie etwa beim Babystuhl oder beim Verb jobben. Beide gibt es so nicht im Englischen. Ähnliches gilt bekanntlich auch für das Handy oder den Coffee-to-go.

Auch wenn unser Wortschatz stetig steigt, so kommt es immer wieder dazu, dass Wörter in Vergessenheit fallen, weil sich der Alltag ändert oder die damit verbundenen Gewohnheiten. Zu den Wörtern auf der so genannten „roten Liste der deutschen Sprache“ sind der Backfisch zu zählen wie die Chaiselongue, das Wams wie der Muckefuck. Und manche Dinge kommen in der Sprache nimt mehr vor, weil es neuere technische Entwicklungen gibt. Hierzu gehören die Jukebox und das Telex. Und die Depeche kennen junge Leute nur noch als Teil eines Bandnamens.

Pannen (Ausgabe November 2011)

Anfang des Monats las ich im Schwäbischen Tagblatt (2.11.2011): „Der Trickbetrüger klingelte am Haus einer bereits älteren Frau.“ – Früher nannte man sie gewiss betagt. Oder musste der Betrüger so lange warten, bis sie die Türe öffnete? – Der Reiz verliert den solchen, wenn man ihn mit „t“ schreibt, so etwa im Satz: „Reitzen Sie Ihre Rechte aus.“

Merkwürdige Sprachbilder habe ich auch wieder oft genug gehört.- Hier nur die besten davon. Stellen Sie sich folgendes einfach bildlich vor und Sie werden merken. Das geht so alles nicht. Also los:
„Wir können die Suppe ausbaden.“ – „Müssen wir uns diesen Schuh überstülpen?“ – „Bei der Frage müssen wir den Kopf aufmachen.“ – „Da hat jemand den Teppich unterm Boden weggezogen.“ – „Können Sie das Gras flüstern hören?“

In Süddeutschland bezeichnet man den Arbeitstag zwischen Feiertag und Wochenende als Brückentag. Viele Arbeitnehmer erhalten mit einem Tag Urlaub ein schönes langes Wochenende. Jetzt hörte ich den Begriff des Vorfeiertags. Dieses Wort steht so im Tarifwerk für Tageszeitungsredakteure. Da die meisten Journalisten am Tag vor einem Feiertag nicht arbeiten müssen, weil es an Feiertagen üblicherweise keine Tageszeitungen gibt, müssen auch nicht so viele Schreiber an den Vorfeiertagen anwesend sein. Dafür ist es bei Tageszeitungsjournalisten üblich, dass sie nicht nur an Feiertagen das Blatt für den Tag danach zusammenstellen müssen, sondern auch an fast allen Sonntagen. Also ist der „Vorfeiertag“ an sich keine Wortpanne und nur etwas ungewöhnlich.

 

Pannen (Ausgabe Juli 2011)

Bei Sportberichten im Fernsehen hat sich ein Bild eingeprägt, das eigentlich ein falsches ist: „Um zu gewinnen, muss der Sportler auf die Zähne beißen.“ Muss er das, was bedeutet das dann anatomisch? Man kann mit den Zähnen klappern, man kann auf dem Zahnfleisch gehen, etwas zwischen die Zähne bekommen, einen Zahn zulegen,  jemand auf den Zahn fühlen oder sich dann die Zähne ausbeißen, – das Sprachbild ‚auf die Zähne beißen‘ ist neu und ergibt leider keinen Sinn. Also Zähne zusammenbeißen und das falsche Bild vergessen.

Kürzlich berichtete jemand, er müsse „nach seinem Scheffel schauen“. Soll er doch. Der Scheffel ist eine alte Messvorrichtung für Getreide und überliefert aus der Bibel ist, dass man sein Licht nicht unter den Scheffel stellen soll. Wer nach seinem Scheffel schaut muss demnach Landwirt oder Müller sein. Das oben zitierte Sprachbild ist jedoch nicht üblich.

„Das macht das Kraut nicht fett.“ Zumal Kraut, selbst saures nicht fett ist. Das korrekte Sprachbild wäre hier: „Das macht den Kohl nicht fett.“ Aber gegen falsche Bilder ist noch kein Kraut gewachsen. Aber bevor hier jemand ins Kraut schießt, Kohl und Kraut sind im allgemeinen Sprachgebrauch das Selbe. Und auch in der Literatur (Max von der Grün, Glatteis) ist das Kraut schon als nicht fett festgeschrieben worden. Erlauben wir es also…

Der Duden hat es mir „zurückgezeigt“. Auch das ist holpriges Deutsch. Kann er es mir nicht zurückgeben oder aufzeigen. Ich bitte darum, solch falsch zusammengesetzte neue Wörter zurückzuziehen, aber bitte nicht mit dem Finger darauf zeigen.

„Wenn man das weiß, tut man sich einfacher.“ Was soll an diesem Satz falsch sein? Das „Tun“ ist hier falsch am Platz, „haben“ wäre das korrekte Hilfsverb. und das korrekte Adjektiv im Komperativ ist „leichter“ und nicht „einfacher“. Wir schließen kurz: „wenn man das weiß, hat man es leichter.“ Und der Satz klingt auch noch besser.

Nicht ausrottbar sind sinnlose Steigerungsformen wie „in keinster Weise“ und „in bestmöglichster Form“. Was in keiner Weise vorkommt und schon die bestmögliche Form ist, hat schon das Ende der steigerungstechnischen Fahnenstange erreicht.

Neu unter den auffälligen Begriffen ist das Verb „antizipieren“, was ich auch in der Sportberichterstattung zuletzt häufig vernommen habe. Dieses Fremdwort bedeutet auf Deutsch das Vorwegnehmen vor der Zeit im Geiste oder vor Fälligkeit. Wer das so antizipiert merkt, dass dieses schöne Wort eigentlich nicht in den Bereich Sport gehört, – ausgenommen dem Schachsport, wenn man bei Zeiten die Gefährdung des Königs oder der Dame erkennt.

Jahresangaben müssen genau sein

Früher einmal wurden Jahreszahlen mit einem „A.D.“ angegeben. Diese lateinische Abkürzung bedeutet „anno domini“, Im Jahr des Herren, ist also eine Bezeichnung, die sich aus dem Christentum ableitet. Andere Kulturkreise haben andere Jahresangaben: Der jüdische Kalender ist viel älter, der islamische deutlich jünger. Andere Zeitangaben gelten heute nicht mehr fort, wie etwa die römische, die auf die Stadtgründung Roms zurückging oder manche imperiale, die mit jedem neuen Herrscher / jeder Dynastie eine neue Zeitrechnung begründete.

Wichtig ist, dass Jahreszahlen präzise angegeben werden, damit keine Missverständnisse aufkommen können. Deshalb werden Angaben zu größeren Zeitabschnitten immer vierstellig gemacht, wie etwa 1835, 1961 oder 2002. Dort, wo kleinere Zeiträume betrachtet werden, genügen aber zwei Ziffern (72, 80, 96, 06).

Gerne fasst man Zeiträume zusammen, nach geschichtlichen-/politischen Gesichtspunkten (Zeitalter der Weimarer Republik; Zeitalter des Kalten Krieges) oder nach Kunstepochen (Romantik, Jugendstil, Pop-Art) oder nach Jahrzehnten (Zwanziger Jahre / Sechziger Jahre / Achtziger Jahre). Letztere Art der Zeitraum-Angabe wurde erstmals im 20. Jahrhundert verwendet, zur Kennzeichnung der 20er Jahre (1920 – 1929). Das wurde bis in die 90er Jahre fortgesetzt (1990 – 1999). Davor und danach hat sich keine Jahrzehntbezeichnung eingespielt.

Die aktuellen Zeitabschnitte, etwa von 2000 bis 2009, haben keine eigenen Namen hervorgebracht, obwohl sich viele Menschen damit befasst und Begriffe kreiert haben wie „Die Nuller-Jahre“ oder „Die jungen Jahre“ oder „Die Doppel-Null-Jahre“. Keiner konnte Eingang finden in den allgemeinen Sprachgebrauch.

Übergenaue Texter verwenden inzwischen Bezeichnungen wie die 1950er Jahre oder gar die 1870er Jahre. Ich möchte diese Bezeichnungen nicht verwenden, weil sie historisch so nicht gewachsen sind und auch nur für Zeitabstände im 20. Jahrhundert so verwendet wurden. Eine Ausweitung auf frühere Jahrhunderte halte ich aus geschichtlicher Sicht auch nicht für angebracht. Dafür gibt es auch andere, bessere Bezeichnungen wie „Aufklärung“, „Industralisierung“ oder „Wilhelmisches Kaiserreich“