Inflation bei Pluralformen und Steigerungen

Nicht nur ich habe das Hobby, in Zeitungen und Zeitschriften nach unsinnigen Wortbildungen zu suchen. Wie oft wird man dabei ganz schnell fündig? Wie oft muss man sich an den Kopf greifen, weil eine Wortwahl nicht nur falsch ist? Heute soll mal von unsinnigen Elementen in Pressetexten die Rede sein. Die Mehrzahl darf nicht in Mehrzahlen verwendet werden. Für den Plural gibt es keinen Plural. „Krach“ ist nur in der Einzahl zu verwenden, genau so wie „Frost“, „Klarheit“ oder „Präzision“. In der „taz“ hat Schriftsteller Peter Köhler ein paar dieser unsinnigen Pluralformen erwähnt. Ich finde, wenn man mit Augenmaß und Feingefühl an die Begriffe rangeht, wird man statt der „Nachtfröste“ auf „Frostnächte“ kommen. Ähnlich gibt es bessere Formulierungen für „Kräche“, „Klarheiten“ oder „Präzisionen“.

Üben Sie, sich besser auszudrücken, wo immer sie am Schreiben sind.

Ähnlich ist das mit Steigerungen. Hier hat die Frankfurter Rundschau ein paar auffällige Begriffe erwähnt. „Hundertprozentig“ lässt sich weder als „noch hundertprozentiger“ oder „hundertprozentigsten“ steigern, wie auch „komplett“ nicht „noch kompletter“ werden kann. Ein Elfmeter kann nur einmal „verschossen“ werden, ihn „verschossener“ zu machen ist nicht möglich, wie wenig ein Spiel nicht „torloser“ ausgehen kann. Ein Tischtuch kann zerschnitten sein, aber ist es einmal beschädigt, dann kann es mit einem weiteren Schnitt nicht noch „zerschnittener“ werden. Sonst klingt Ihr Text übertrieben und, wenn er nicht ironisch gemeint sein sollte, würde er so seine gewiss gut gemeinte Aussage schmälern.

Sprachpannen (Ausgabe Mai 2014)

„Der meiste Fehler, der gemacht wird“, betrifft zunächst die Adjektive. Richtig wäre: „Der häufigste Fehler, der gemacht wird“, kommt von Leuten, die die Steigerungsformen nicht kennen.

„Der Hersteller hat einen großen Wurf geleistet.“ – Unsere Sprache kennt viele Verben und häufig sucht man sich gerade das Falsche raus. Eine bessere Lösungen wäre: „Dem Hersteller ist ein großer Wurf gelungen.“

„Ich mache jede Wette“, dass in diesem Satz ein Sprachschnitzer steckt. Dafür gehe ich jede Wette ein.

„Ich habe hier den General-Schlüssel für Ihren Erfolg:“ General steht hier allerdings nicht für einen militärischen Dienstgrad sondern für „allgemein“ oder „umfassend“. Also bitte in einem Wort schreiben.

„Ein Tropfen auf dem heißen Stein“. Ganz schön langweilig. Oder, was meinen Sie? Dynamik bringt hier der Akkusativ, den Tropfen auf den heißen Stein, der noch nichts ändern, aber mit der Stetigkeit beginnt die Veränderung. Viele Tropfen bringen das Fass zum Überlaufen und kühlen den heißen Stein ab.

Zum Abschluss noch ein schlimmer Apostroph: „Geschieht die’s nicht, werden wir gewiss Alternativen finden.“ Ein letztes Mal: Der Apostroph im Deutschen ist ein Auslassungszeichen und steht fast immer für ein „e“. Verstehen Sie dies jetzt immer noch nicht, geht’s mit unserer Sprache weiter nur bergab.

Pannen (Ausgabe Oktober 2011)

Die Journalistensprache vergreift sich gerne an Superlativen, gerne wird dabei noch gesteigert, was nicht mehr zu steigern ist. Zwei Beispiele:

Die Auslese aus einem bestimmten Personenkreis ist besser bekannt als Elite. Ein Rundfunksprecher wollte diese Elite neulich noch steigern: Er erfand die Top-Elite und bewies damit kein Sprachgefühl.

Ähnlich ging es einem anderen Hörfunkkollegen. Er wollte sich besonders einfühlsam zeigen und empfand eine bestimmte Situation als besonders emotional. Wie vermittelte er das? Er sagte: Die Stimmung war „am spürbarsten“. Dachte er, eine Empfindung wie „spürbar“ ließe sich noch steigern? Ich vermute fast und liege damit gewiss „am richtigsten“.

Andere Baustelle: Was meinte Frau BK Merkel neulich zur Griechenland-Finanzsituation? Sie bezeichnete den Schuldenschnitt, auf den man sich einigte, als Haircut (Haarschnitt). Die Financial Times Deutschland fühlte sich an einen Mafia-Film erinnert, der Standard aus Österreich witzelte:“Ob Athen mit dem Haarschnitt nachhaltig in Fasson gebracht wird, dazu gibt es unterschiedliche Ansichten“. Ernste Dinge sollte man, – das zeigt diese Episode, – nicht durch zweifelhafte Bilder und verniedlichende Bildersprache verniedlichen.

Steigern kann gekonnter sein

Eine Steigerung hat drei Stufen, so haben wir das gelernt. Auf die Grundstufe (Positiv) folgt die Vergleichsstufe (Komperativ) und darauf schließlich die Höchststufe (Superlativ). Gerne möchte man jedoch größer sein und höher hinaus als es die deutsche Grammatik erlaubt. Deshalb findet die Werbung, die Politik, die Sportberichterstattung und ein paar andere Zeitgenossen immer wieder neue Möglichkeiten, die klassische Steigerung  noch zu toppen. Ein paar Beispiele?

BILD-Chefredakteur Kai Diekmann wohl zur Ausgabe vom letzten Samstag (27.8.):
groß – größer – BILD

Der Focus zu Studienmöglichkeiten an Unis in Mitteldeutschland:
gut – besser – Ostdeutschland

Bierwerbung in Österreich:    gut – besser – Gösser

Mieten in Deutschland laut ZDF:   hoch – höher – unbezahlbar

Nach dem Formel-1-Rennen dieses Jahr in Malaysia:
schnell – schneller – Vettel

Internettechniker kennen das unter:   schnell – schneller – Glasfaser

Der Spiegel sah Landesbanken schon 2009 in der Krise und formulierte:
groß – größer – Größenwahn

Ungarn-Premier Viktor Orbán befand laut presseurop.eu:
groß – größer – Ungarn

Internet-Dating-Plattform C-Date befand:
berühren – verführen – spühren
Besonders schön hier die Schreibweise des letzten Wortes

Noch der Werbespruch des Buchhändlers Osiander aus Südwestdeutschland:
Buch – Bücher – Osiander

Ich fand noch: gut – besser – ökologisch

Einer Steigerung fehlt noch der Superlativ: Moin – Moinsen

Falsch bleiben bei allem Spaß der obigen Steigerungsformen, die ich gerne so stehen lassen möchte, jedoch die nicht erlaubten Formen des Elativs, die da heißen:
keinsten Falls, optimalst oder maximalst. Solche bitte streichen!

Pannen (Ausgabe Juli 2011)

Bei Sportberichten im Fernsehen hat sich ein Bild eingeprägt, das eigentlich ein falsches ist: „Um zu gewinnen, muss der Sportler auf die Zähne beißen.“ Muss er das, was bedeutet das dann anatomisch? Man kann mit den Zähnen klappern, man kann auf dem Zahnfleisch gehen, etwas zwischen die Zähne bekommen, einen Zahn zulegen,  jemand auf den Zahn fühlen oder sich dann die Zähne ausbeißen, – das Sprachbild ‚auf die Zähne beißen‘ ist neu und ergibt leider keinen Sinn. Also Zähne zusammenbeißen und das falsche Bild vergessen.

Kürzlich berichtete jemand, er müsse „nach seinem Scheffel schauen“. Soll er doch. Der Scheffel ist eine alte Messvorrichtung für Getreide und überliefert aus der Bibel ist, dass man sein Licht nicht unter den Scheffel stellen soll. Wer nach seinem Scheffel schaut muss demnach Landwirt oder Müller sein. Das oben zitierte Sprachbild ist jedoch nicht üblich.

„Das macht das Kraut nicht fett.“ Zumal Kraut, selbst saures nicht fett ist. Das korrekte Sprachbild wäre hier: „Das macht den Kohl nicht fett.“ Aber gegen falsche Bilder ist noch kein Kraut gewachsen. Aber bevor hier jemand ins Kraut schießt, Kohl und Kraut sind im allgemeinen Sprachgebrauch das Selbe. Und auch in der Literatur (Max von der Grün, Glatteis) ist das Kraut schon als nicht fett festgeschrieben worden. Erlauben wir es also…

Der Duden hat es mir „zurückgezeigt“. Auch das ist holpriges Deutsch. Kann er es mir nicht zurückgeben oder aufzeigen. Ich bitte darum, solch falsch zusammengesetzte neue Wörter zurückzuziehen, aber bitte nicht mit dem Finger darauf zeigen.

„Wenn man das weiß, tut man sich einfacher.“ Was soll an diesem Satz falsch sein? Das „Tun“ ist hier falsch am Platz, „haben“ wäre das korrekte Hilfsverb. und das korrekte Adjektiv im Komperativ ist „leichter“ und nicht „einfacher“. Wir schließen kurz: „wenn man das weiß, hat man es leichter.“ Und der Satz klingt auch noch besser.

Nicht ausrottbar sind sinnlose Steigerungsformen wie „in keinster Weise“ und „in bestmöglichster Form“. Was in keiner Weise vorkommt und schon die bestmögliche Form ist, hat schon das Ende der steigerungstechnischen Fahnenstange erreicht.

Neu unter den auffälligen Begriffen ist das Verb „antizipieren“, was ich auch in der Sportberichterstattung zuletzt häufig vernommen habe. Dieses Fremdwort bedeutet auf Deutsch das Vorwegnehmen vor der Zeit im Geiste oder vor Fälligkeit. Wer das so antizipiert merkt, dass dieses schöne Wort eigentlich nicht in den Bereich Sport gehört, – ausgenommen dem Schachsport, wenn man bei Zeiten die Gefährdung des Königs oder der Dame erkennt.