Die zwei Stufen: Lesen und Verstehen

Man geht gerne davon aus, dass man neue Texte sofort versteht. Neurowissenschaftler haben jedoch nachgewiesen, dass sich das Textbegreifen in zwei Stufen vollzieht. Erst kommt das Lesen und dann muss das Gehirn das Gelesene umsetzen, damit es der Verstand aufnehmen und verstehen kann. Ohne diesen zweiten Schritt kann niemand das Gelesene einordnen, werten und Konsequenzen daraus ergreifen. Ohne diese Stufe hätten alle Texte nur eine zufällige Wirkung.

Nun kann es vorkommen, dass jemand bestimmte Texte nur in einer bestimmten Atmosphäre und einer Tageszeit interessiert erfassen kann. Stimmen die Umstände nicht, dann plätschert alles an einem vorbei, wird nicht verankert. Dann schwindet auch die Chance, dass diese Passage weiterverarbeitet wird, eine Wirkung bei Leserin oder Leser auslöst. Komplexe Texte schrecken ab, insbesondere Schachtelsätze. Nicht nur Mark Twain hat herausgefunden, dass die deutsche Sprache knifflig ist, weil das Verb erst am Ende langer Satzkonstrukte erscheint. Autoren sollten das bedenken. Zu kurze Sätze wirken aber genauso störend.

Nicht nur ein Autor reift mit seinen Texten, auch ein Leser reift mit der gelesenen Literatur. Deshalb – wir hatten gerade den Tag des Buches – empfehle ich auch, viel zu lesen. Wer viel liest – Belletristik, Sachbuch und auch Triviales – wird merken, dass er sich im Laufe von Monaten im Grad des Verstehens steigern kann. Und diese Leseratten werden dann nicht nur Bücher fressen sondern auch das Gelesene bewerten können, sich in den Autor und die Protagonisten hineindenken können, bei Sachbüchern den Gedankengängen nicht nur folgen, sondern noch neue eigene anstellen können.

Dann lohnt sich Lesen. Und davon haben selbst die Autoren etwas: Sie werden erkannt, eingeordnet, teilweise auch verstanden und – was sehr wichtig ist – weiterempfohlen.

Von der Schwierigkeit, verstanden zu werden

Studenten klagen immer häufiger darüber, komplexe Sachverhalte nicht begreifen zu können. Dazu zählt auch das Erfassen und Wiedergeben von wissenschaftlichen Texten. Und die nachlassende Lesekompetenz impliziert einen mangelnden Sprachschatz und seine Anwendung, was man bei Rechtschreib- und Grammatikfehlern feststellen kann. Fehlt den Studenten die Lesepraxis anspruchsvoller Literatur? Bedingen Kurznachrichten die schlechte Auffassungsgabe bei komplexen  Texten?

Ich stieß bei meinen Recherchen auf zwei Texte, Einmal eine Umfrage, die 2011 von der Universität Bayreuth unter Studenten durchgeführt wurde, und zum Anderen ein Vergleich von Sprachfehlern in Maturaarbeiten der Jahre 1970, 1997 und 2010.

Sprachwissenschaftlerin Ruth Wodak, die die österreichischen Abiturarbeiten durchgesehen hat, sind die zunehmenden Fehler bei der Verwendung von Satzzeichen aufgefallen, ein Rückgang in der Verwendung von Lehnwörtern mit griechischem oder lateinischem Ursprung bei gleichzeitiger Zunahme von Anglizismen. Die Texte sind von Untersuchung zu Untersuchung kürzer geworden, der Satzaufbau aber komplexer, was ihn damit nicht unbedingt verständlicher macht. Die Benotung im Jahr 2010 war weniger streng, viele Fehler bei Satzzeichen, Rechtschreibung und Ausdruck wurden toleriert, die bei früheren Untersuchungen noch angestrichen wurden.

Die Bayreuther Umfrage bemängelt, dass die Sprachkompetenz der Studenten wohl schon durch mangelndes Training in der gymnasialen Oberstufe gelitten hat, weil zu sehr auf Inhalte und nicht so viel auf Form und Ausdruck Wert gelegt wird. Da in dieser Zeit obendrein der Wortschatz nicht gepflegt wird, fehlt vielen Studierenden die Möglichkeit, Inhalte mit anderen und mit eigenen Worten auszudrücken. Diese Wortvarianz macht Altphilologe Gerhard Wolf von der Bayreuther Uni auch dafür verantwortlich, dass den Studenten oft die Beweglichkeit fehlt, Dinge variantenreich zu beschreiben.

Was ich hierzu bemerken kann ist, dass mangelndes Ausdrucksvermögen auch dazu führt, dass ein Schreiber oder Sprecher nicht verstanden wird. Eine nicht eindeutige Kommunikation führt zu Missverständnissen und kann nicht nur die wissenschaftliche und wirtschaftliche Entwicklung hemmen, sondern auch das Zusammenleben.

Lesekompetenz dank Stadtbücherei

Wie schafft man es, zu einer hohen Lesekompetenz und einem großen Wortschatz zu gelangen.? Man braucht die richtige Umgebung dazu. Stehen keine Menschen direkt zur Verfügung, von denen man etwas lernen oder denen man Fragen stellen kann, dann bietet sich die nahe Stadtbücherei an, in der es Literatur aller Genres gibt. Heutzutage findet man dort auch viele Werke in anderen Sprachen. Das ist schon notwendig, weil die Welt immer globaler wird und von uns auch verlangt, dass wir uns auf andere Ethnien einstellen.

Genauso können Mitbürger mit anderer Muttersprache sich mit dem Bibliotheksangebot in ihrer gewohnten Sprache weiterbilden, Querverweise zur Sprache des Gastlandes herstellen und so einen breiten bilingualen Wortschatz aneignen. Die Stiftung Lesen hat festgestellt, dass ca. 20% der Büchereinutzer einen Migrationshintergrund haben. Das ist ein höherer Anteil als Migranten an der Gesamtbevölkerung haben.

Lesekompetenz ist der Türöffner zur Kultur, zur Gesellschaft und nichtzuletzt zur Arbeitswelt. Fördern wir sie, wo immer das möglich ist, zum Beispiel auch dadurch, dass wir im Freundeskreis Bücher tauschen oder im „bookcrosser“-Sinn aussetzen. (http://www.bookcrossers.de)

Was sagt uns die neue Pisa-Studie?

Kurz und knapp: Unerwartetes stand nicht drin in der aktuell im Dezember 2011 veröffentlichten Studie. Ein wesentlicher Punkt betraf die Lesekompetenz, – wie in der ersten Studie vor rund zehn Jahren. Sie hat sich – in Deutschland – etwas verbessert, – berühmt kann man sie noch nicht nennen.

Warum ist denn die Lesekompetenz so wichtig?

Durch Lesen erschließen wir uns die meisten der anderen Fähigkeiten. Auch Textaufgaben in der Mathematik, Beschreibungen in Naturwissenschaften, Handbücher für Computerprogramme oder gar Arbeitsanweisungen könnten wir ohne Lesekompetenz nicht umsetzen. Dennoch zeigt sich immer wieder, dass viele Testpersonen selbst einfache Texte nicht verstehen.

Kinder müssen frühzeitig zum Lesen gebracht werden, – früher als der Kontakt zum Computer oder rechnerähnlichen Spielwaren muss ein Kind eine Beziehung zu Büchern entwickeln. Schließlich gibt es da ganz exzellente und hervorragend illustrierte Werke.

Im Blog von Bekannten http://clusterblog.de/allgemein/pisa-einmal-andersrum/ wurde mir klar, dass wir auch in Sachen Lesekompetenz keiner Statistik trauen dürfen. Wenn aktuell Schüler aus Shanghai die PISA-Studie in Sachen Lesekompetenz anführen, ist das noch lange kein Grund, die chinesischen Drills bei uns einzuführen. Zu viel eingeübtes Training tötet Kreativität und Flexibilität. Menschen müssen nicht nur funktionieren, sie müssen sich ihren aktuellen Situationen gerecht verhalten können, wozu auch die Fähigkeit gehört, Improvisieren zu können.

Vorlesen unterstützt spätere Lesekompetenz

Kinder, denen in frühen Jahren aus Büchern vorgelesen wird, entwickeln eine positive Beziehung zu Geschichten und damit zu texten. Daraus entsteht meist ein frühes Interesse am Lesenlernen und dann auch das Selberlesen oder allgemein: die Lesekompetenz.

Mit dem Vorlesen vor eigenen Kleinkindern und Kindergruppen erleichtern Eltern, Großeltern und ehrenamtliche Lesepaten den Zugang zu Texten. Ehrenamtliche Vorlesegruppen findet man für Stuttgart etwa im Internet unter www.leseohren-aufgeklappt.de. Von hier aus gibt es zahlreiche weitere Links, u.a. zur Stiftung Lesen www.stiftunglesen.de.

Noch andere positive Auswirkungen hat das Vorlesen: Stärkere Synapsenbildung im Gehirn, was zur Entwicklung der Intelligenz führt; die Fähigkeit zur Phantasie; Zuhören und logisches Mitdenken. Ein CD-Spieler mit zahlreichen Hörspielscheiben kann kein Ersatz sein für einen vorlesenden Menschen. Nebenbei bemerkt: Auch der Vorleser profitiert von seinem Amt, denn er selbst übt auch die eigene Artikulation und den Lesefluss.

Lesen als berufliche Grundkompetenz

Hätten Sie gedacht, dass es vier Millionen Menschen in Deutschland gibt, die keine längeren Texte lesen und verstehen können? Ein Forschungsprojekt der Mainzer Universität ist auf diese erschreckend hohe Zahl gekommen, die bedeutet, dass jeder zwanzigste Mitbürger zumindest funktionaler Analphabet ist. Diese Menschen kennen zwar die Buchstaben und können auch Markennamen und kurze Hinweise bis hin zu Schlagzeilen lesen, bei längeren Sätzen müssen sie aber passen.

In unserer technischen Arbeitswelt sind die Betroffenen verloren und auf die Unterstützung anderer angewiesen. Die Ursachen dafür können unterschiedlich sein. Um die Defizite zu verbessern, gibt es spezielle Schulungen, die auch funktionalen Analphabeten helfen, ihre Lesekompetenz zu verbessern. Das Manko liegt teilweise auch an der schlechten Wahrnehmung beim Texterfassen. Wenn Leser Worte eher als Bilder denn als zusammenhängende Buchstaben erkennen, sind Verwechslungen leicht möglich. Abhilfe kann nur regelmäßiges Training bringen mit zunehmend schwereren Texten, längeren Sätzen und komplexeren Sachverhalten. Doch dafür, – so eine Aussage der Analphabetie-Forscher, – fehlen die geeigneten Unterrichtsmaterialien.