Sprachballast

In vielen Texten, die ich zu sehen bekomme, selbst in Urfassungen meiner eigenen Manuskripte finde ich zahlreiche überflüssige Wörter. Nehmen Sie mal einen Lackstift zur Hand und markieren in dem nächsterreichbaren Text alle „sozusagen“, „üblicherweise“, „insbesondere“, „irgendwie“ oder „überhaupt“ heraus. All diese Wörter sind reiner Ballast, machen den Text unverdaulich und entziehen ihm die Farbigkeit. Auch Bindewörter und Verstärkungen blähen einen Text nur auf und drosseln ihr Lesetempo. Schauen Sie Ihre Texte durch und streichen Sie alle „auch“, „meist“, „oft“, „ziemlich“ oder „viel“ heraus, auf die locker verzichtet werden kann.

Warum regt uns Kanzleideutsch, die Amtssprache so sehr auf? Weil da so vieles überaus kompliziert beschrieben und Nominalstil verwendet wird. Das ist überall dort zu erkennen, wo Subjektive weit häufiger verwendet werden als in der täglichen Sprache üblich. Dazu tragen die zahlreichen Abstrakta von Verben und Adjektiven bei. Aus genehmigen wird Genehmigung, aus erklären die Erklärung; aus wahr wird Wahrheit, aus hinfällig wird die Hinfälligkeit.

Eindeutige Eigenschaftswörter wie „gut“, „schlecht“, „großartig“ oder „widerlich“ drängen Ihren Text in eine absolute Richtung, die Ergebnisse klingen völlig nüchtern. Eleganter wäre es, Adjektive zu verwenden, die die Emotionen ansprechen, das sinnhafte Lesen ermöglichen: Angefangen bei der heißen Herdplatte, dem weichen Kissen oder dem blitzgescheiten Schüler. Adjektive können wirklich alle Sinne ansprechen: die glutrote Sonne –> Visualität; der scheppernde Traktor –> Akustik; der beißende Geruch von der Müllkippe –> Geruchssinn; die süße Frucht –> Geschmackssinn; die raue Haut des alten Seemanns –> Gefühlssinn.

 

Familienbande

Unsere Familienbezeichnungen und geschlechtsspezifische Anreden haben lange und sehr eigenwillige Geschichten. So ist die Bezeichnung Dame in Mitteleuropa wesentlich jünger als die der Frau. Zu letzterer gab es bereits im Altmittelhochdeutschen den Begriff „frouwe“ und im Mittelhochdeutschen „vrouw“, aus dem sich die „Frau“ ableitet. Im Germanischen hat sich das vom Götternamen Freyja abgeleitet. Erst ab 1600 etwa kam der Begriff der „Dame“ aus dem Französischen auf und ersetzte im 18. Jahrhundert allmählich die frühere Bezeichnung. „Frauen“ und „Männer“ lauteten die Aufschriften an Toilettentüren und Umkleiden noch bis in die frühen 50er Jahre des 20. Jahrhunderts. Danach stand da „Damen“ und „Herren“.

Das Fräulein war ab dem 12. Jahrhundert zunächst die Anrede für unverheiratete Edeldamen. Nach und nach wurden alle unverheirateten Frauen so angesprochen, teilweise bis ins hohe Alter, worauf einige Damen tatsächlich Wert gelegt haben. Im Zuge der Frauenbewegung war die Anrede des Fräuleins ab etwa 1968 verpönt, – sie wollten Frauen sein. Schließlich gab es ja auch keine Herrchen, zumindest nicht als Anrede. Heute findet man das Fräulein schon lange nicht mehr auf Formularen und in vorgegebenen Datenfeldern im IT-Bereich und auch als Anrede gilt dies als peinlich.

Viele Familienbezeichnungen stammen aus der so genannten Lall-Sprache der Kinder. So erklären sich auch die unterschiedlichen Namen für Mutter, Mama, Mutti oder Mami sowie Vater, Papa oder Vati. Ähnlich ist auch der Ursprung der Tante, der im Lallwort „Amma“, dem Altfranzösischen „Ante“ und dem Lateinischen „Anita“ für die Vaterschwester. Bei manchen Verwandtschaftsbezeichnungen wurde früher genau darauf geachtet, wie die Verwandtschaftsverhältnisse sind und ob sie über die väterliche oder mütterliche Linie gingen. So war der Oheim der Bruder der Mutter, der Vetter dagegen ursprünglich der Bruder des Vaters. In manchen Sprachen soll auch heute noch so deutlich unterschieden werden.

Manchmal ersetzen französische Bezeichnungen die überlieferten deutschen: Lange Zeit waren die Geschwister zweiten Grades Vetter und Base, heute doch meist Cousin und Cousine. Die komplette Verwandtschaftsfamilie rund um Schwager-Begriff leitet sich vom mittelaltdeutschen Schwäher („Schwiegervater“) ab. Der Schwager war streng genommen nur der Ehemann der Schwester oder der Bruder der Frau, nicht der Mann der Schwägerin. Der Begriff „Schwager“ stand aber früher allgemein für vertraute Nichtverwandte, so im studentischen Umfeld und schließlich als Bezeichnung für den Postillion.

Die Teil- und Patchworkfamilien unserer Zeit erfordert eigentlich auch eigene Bezeichnungen für die neu zusammengewürfelten Familienteile. Mir ist dazu noch nichts geläufig. Oder wissen Sie, wie man den Vater des Stiefvaters nennt oder den Neffen, der Sohn des Onkels aber nicht der Tante ist?

Schmuckstücke der Sprache

Bei manchen deutschen Wörtern können einem schon Zweifel kommen, so bei dem Farbton, der einem die Röte ins Gesicht treibt. Was ist hier richtig: puderrot oder puterrot? – Lösung: Der Farbton rührt nicht vom Puder her sondern vom Federvieh, man wird rot wie ein Puter.

„Die Menschen waren völlig ausgemerkelt.“ In jenem Satz hat sich eine Fehlassoziation eingeschmuggelt und fand dennoch den Weg in eine Zeitung. Ausmergeln heißt das hier korrekte Verb, das abgeleitet werden muss vom Mergel, dem Sedimentgestein aus Ton und Kalk. Die erste Bundeskanzlerin Deutschlands hat damit nichts zu tun.

Neulich bin ich über zwei Begriffe gestolpert und habe beide zunächst im Sinne von Karl Valentin verstanden. Zunächst sah ich einen „Unfallhelfer“. Was macht der, dachte ich, hilft der mir beim Unfallmachen? – Hier dürfte das Gegenteil der Fall sein. Ebenso bei dem „Zentrum für Depression“. Dieses müsste ganz korrekt eigentlich „Zentrum gegen Depression“ heißen. Oder ist da – wage ich schalkhaft zu fragen – die zweite Bedeutung für Depression gemeint, all jene Landstriche der Erde, die unter dem Meeresspiegel liegen?

Sprachfehler bestehen oft auch in der falschen Wortwahl oder der verwirrenden Satzstellung, was ich schon mehrfach angemahnt habe. Wie finden Sie den Satz, der mal in der FAZ stand: „Um 220 Hektar Weinberge baute er ein herrschaftliches Schloss.“ Das muss ein großer Palast sein, das sich um ein so großes Areal aus Weinbergen erstreckt. Geschmacklos finde ich Sätze wie den folgenden: „Dem Vegetarier war wurst was andere bestellt hatten.“ Die verdeckte Spitze auf fleischlos essende Zeitgenossen sollte man bei aller Überzeugung, die ich jedem zubillige, vermeiden. Außerdem müsste man die „Wurst“ hier korrekterweise „Wurscht“ schreiben, was genauso undiplomatisch wäre.