Nie wieder unschön: die doppelte Verneinung

Man muss auch mal „Nein“ sagen können. Und wenn Sie unterstreichen wollen, dass für bestimmte Fälle dieses „Nein“ nicht zutrifft. Wir nähern uns einem rhetorischen Konstrukt, bei dem viele Fehler gemacht werden, der doppelten Verneinung. Mehr u.a. bei Wikipedia unter http://de.wikipedia.org/wiki/Doppelte_Verneinung

Mit dieser sprachlichen Besonderheit verhält es sich ähnlich wie in der Mathematik mit den negativen Vorzeichen. Multipliziert man zwei negative Werte miteinander, so erhält man ein positives Ergebnis. Bei der doppelten Verneinung in der Sprache gibt es noch die Besonderheit, dass das Ergebnis eine Bejahung sein kann oder eine Verneinung. Hier wird es für Sprachschüler aller Sprachen schwierig, genau zu durchschauen, was eigentlich gemeint ist. Aber nicht nur Sprachschülern kann es heiß und kalt werden, auch Muttersprachler kommen bei doppelten Verneinungen schnell ins Stutzen: Wie ist der Satz gemeint?

Deshalb sollten bei professionellen Texten doppelte Verneinungen vermieden werden. Sonst steigt Ihnen bei jedem dieser Sätze ein gewisser Prozentsatz an Lesern aus, legt das Blatt weg oder klickt sich weiter.

Was im Deutschen nicht funktioniert, das gibt es in anderen Sprachen, angefangen beim Latein. Da bedeutet die doppelte Verneinung eine betonte Bestätigung.

Aber auch bei der einfachen Verneinung kann es zu sprachlichen Konflikten kommen. Wer nicht Kaufmann ist, mag dann noch nicht automatisch Nichtkaufmann sein. Gleiches gilt für Nichtfachleute, die automatisch keine nicht Fachleute sind. Ein Nichtwähler ist durchaus Wahlberechtigter, also jemand, der von seinem Wahlrecht keinen Gebrauch macht. Der Nichtwähler ist ein juristischer Begriff. Er umfasst alle, die wählen gehen könnten. Er grenzt sie so auch von denen ab, die nicht Wähler sind, weil ihnen die Berechtigung dazu fehlt (Alter, Staatsbürgerschaft, Wohnsitz im Wahlbezirk, etc.).

Genaugenommen

Kennen Sie antialkoholische Getränke? – Sicher? -Das müssten dann ja Getränke sein, die den Alkohol bekämpfen oder vernichten. Von solchen Flüssigkeiten weiß ich nichts. Sollten Sie meinen, dass Cola oder Bitter Lemon antialkoholische Getränke seien, warum vertragen sie sich dann so gut mit Wodka und anderen scharfen Getränken? – Wir landen häufig bei antialkoholischen Getränken und meinen dann doch eher die alkoholfreien. Eine gewisse Sprachschlamperei schleift sich bei manchen Begriffen ein, die eigentlich inkorrekt sind und auch nicht logisch, aber man bekommt sie nicht mehr aus dem Sinn und aus dem aktiven Sprachschatz.

Ähnlich ist das mit dem genfreien Honig. Merken Sie diesmal schneller, was daran falsch sein könnte? – Genfrei kann doch nur sein, was keine biologische Zellinformation trägt, ein Kunststoff etwa. Aber unser Honig darf ja vieles sein, nur aus Kunststoff sollte er nicht hergestellt sein, sondern von gesunden Bienen gesammelt. Was ist hier das korrekte Wort für das anzupreisende Produkt? gentechnikfreier Honig. Ich verriet schon, dass Bienen den Honig sammeln, aber warum sprechen wir dann so oft vom Imkerhonig? Sammeln diese Tierfreunde den Pollen von den Blüten ein? – Klar, das machen sie nicht. Deshalb wäre Bienenhonig der bessere Begriff. Oder wollte man sich hier unterscheiden vom Naturprodukt, das nicht von einem leidenschaftlichen Menschen verantwortet wird sondern industriell gewonnen, geschleudert und vermarktet wird?

Nächstes Beispiel: Wenn einer zu viel Kraft hat, dann kann er mal den Amboss schwingen lassen. Ist Ihnen jetzt schon klar, dass das so nicht gehen kann? Dann lassen Sie getrost den Amboss stehen und schwingen vergnügt den Hammer. So viel Kleinlichkeit, so viel Genauigkeit, da könnte man direkt zur Salzsäure erstarren. Nee, ist nicht Ihr Ernst! Was ist es denn, was wir bereits aus der Bibel kennen,  – Stichwort Lot’s Frau? Diese ist zur Salzsäule erstarrt. Sie merken, auch hierbei gibt es einen Unterschied. Sie müssen kein Chemiker sein um zu erkennen, dass Frau Lot in Verbindung mit Salzsäure nicht erstarrt gewesen wäre, sie hätte sich einfach aufgelöst.

Schwer im Gerede: Kiezdeutsch

Im letzten Monat bin ich häufig auf den Begriff „Kiezdeutsch“ gestoßen. Diese Form der Jugendsprache ist nicht neu. Was derzeit zu der Verstärkung in der Öffentlichkeit führt ist, dass es aktuelle Forschungen zu dem Thema gibt und, dass aus diesen Arbeiten hervorgeht, dass dieser Slang nicht nur auf die ausländische Jugend beschränkt ist. An den aktuellen Forschungen beteiligt ist Heike Wiese von der Universität Potsdam (www.kiezsprache.de). Sie stand auch mehrfach den Medien zur Verfügung und ihre Ergebnisse sind in vielen Internet-Foren diskutiert worden.

Für Heike Wiese ist Kiezdeutsch kein Dialekt, sondern eher eine Form von Jugendsprache. Dessen Akzeptanz steigt zurzeit. Und nach ihrer Untersuchung sprechen in gemischten Wohnvierteln wie Berlin-Kreuzberg nahezu alle Jugendliche zwischen zwölf und zwanzig Jahren diesen Slang, in anderen Quartieren, wo fast nur deutschstämmige Jugendliche aufwachsen, wird auch kaum Kiezdeutsch gesprochen.

Kiezdeutsch ist von einem ausgeprägten Nominalstil geprägt, wie es sich ausdrückt in Redewendungen wie „Ich bin Alexanderplatz.“ (Ich bin am Alexanderplatz.) oder „Ich bin Thomas Mann.“ (Ich bin in der Thomas-Mann-Str.) oder „Ich mach Dich Messer.“ (Ich greife Dich mit einem Messer an.“ Diese Jugendsprache reizt zur Analyse und deshalb hat Heike Wiese auf der Kiezdeutsch-Website auch einige weitere Anregungen eingestellt, auch für Unterrichtseinheiten an Schulen.

Eine Randerscheinung der Kiezsprache ist, dass durch sie immer mehr Wörter aus dem Türkischen oder Arabischen in die deutsche Sprache einfließen und auch von Jugendlichen ohne Migrationshintergrund verwendet werden. Dazu gehören ‚Abu‘ – abwertend für Vater, ‚Lan‘ für einen derben Mann, einen Kerl, ‚Moruk‘ als Entsprechung für die kumpelhafte Anrede ‚Alter‘, ‚Yallah‘ als Aufforderung „los jetzt“ oder ‚Wallah‘ für Gott.

Ischwör, Alter, ist so.