Redensarten und ihr Ursprung

„Der Ehemann hat sich eine Gardinenpredigt seiner Frau anhören müssen.“ So etwas kommt vor, aber woher stammt der Begriff der Gardinenpredigt. Es geht hier nicht um die Fenstervorhänge, sondern um Abrechnungen, die hinter den Bettvorhängen gemacht wurden, die es früher in bürgerlichen Schlafstuben gab. Und Predigt heißt diese Maßnahme bereits seit dem 15. Jahrhundert, weil das damals der einzige Ort war, an dem eine Frau ihrem Mann die Leviten lesen konnte.

Und worin haben die Leviten gelesen? Nun, das war das Alte Testament oder waren auch die Thorarollen, denn ein Levit war ein Gehilfe des Priesters. Die Leviten waren auch ein Stamm im alten Israel, die sich als Rechtsgelehrte ohne eigenes Siedlungsgebiet um die Rechtsprechung kümmerten. Der lateinische Name des 3. Buches Mose lautet auch Leviticus. Wer die Bibel kennt, weiß, dass da die rechtlichen Vorschriften für die Juden enthalten sind. Und wer hieraus vorgelesen bekommt, der sollte sich wohl etwas hinter die Ohren schreiben.

Wer sich etwas hinter die Ohren schreibt, der soll sich etwas merken. Diese Redensart stammt aus einer Zeit als noch wenig Leute lesen und schreiben konnten. Da waren dann bei allen Verträgen und sonstigen Abmachungen die Ohrenzeugen sehr nützlich, mussten sie doch Licht in die Streitigkeiten bringen, wenn sich die Vertragspartner später uneins wurden. Bei Abmachungen über Flächengrenzen wurden gerne die Kinder der Beteiligten zur Begutachtung herangezogen. Die Nachkommen wurden bei diesen Regelungen meist auch körperlicher Gewalt ausgesetzt und Ohrfeigen oder das Ziehen an den Ohren waren keine Seltenheit. Ob sich die so gezüchtigten dann noch an den genauen Wortlaut erinnern konnten? Ich möchte das bezweifeln.

Unser Wortschatz steigt an

Häufig bemängelt wird, dass der verwendete Wortschatz in der hierzulande gesprochenen Sprache in der Anzahl der Worte immer kleiner wird. Das mag zutreffen, bezieht man jedoch auch die Schriftsprache mit ein, so steigt die Zahl der verwendeten Worte mit der Zeit. In einer Ende Februar 2013 veröffentlichten Studie soll der Gesamtwortschatz im Deutschen gestiegen sein: Im Beobachtungszeitraum 1905-1914 wurden 3,7 Millionen Wörter gezählt, zwischen 1948-1957 waren es knapp über fünf Millionen Wörter und bei der letzten Erhebung von 1995 bis 2004 schon 5,3 Millionen. Zusammenschreibungen deutscher Worte wurden dabei mitgezählt.

Und wie verhält es sich mit Anglizismen in dem deutschen Sprachgebrauch? Diese sind kräftig angestiegen von rund tausend vor gut hundert Jahren auf fast 11.000 im letzten Untersuchungszeitraum (1995-2004). In einem Kommentar der „Welt“ wird das zurückgeführt auf die vielen neuen Dinge und Tätigkeiten, die im letzten Jahrhundert Einzug in den Alltag genommen haben. Und darunter sind viele Wörter, die eine Mischung aus einem englischen Wort und einer deutschen Wortform darstellen wie etwa beim Babystuhl oder beim Verb jobben. Beide gibt es so nicht im Englischen. Ähnliches gilt bekanntlich auch für das Handy oder den Coffee-to-go.

Auch wenn unser Wortschatz stetig steigt, so kommt es immer wieder dazu, dass Wörter in Vergessenheit fallen, weil sich der Alltag ändert oder die damit verbundenen Gewohnheiten. Zu den Wörtern auf der so genannten „roten Liste der deutschen Sprache“ sind der Backfisch zu zählen wie die Chaiselongue, das Wams wie der Muckefuck. Und manche Dinge kommen in der Sprache nimt mehr vor, weil es neuere technische Entwicklungen gibt. Hierzu gehören die Jukebox und das Telex. Und die Depeche kennen junge Leute nur noch als Teil eines Bandnamens.